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Sonntag, 12. November 2023

Kurzgeschichte: Anastasiya

Den kurzen Weg zur Mensa fuhr er mit dem Fahrrad, wie meistens, auch wenn es nur wenige hundert Meter von der Bibliothek zu Fuß dorthin gewesen wären: Es war die innere Unruhe, dieses Gefühl, alles möglichst rasch zu erledigen, um einem Ziel näher zu kommen, das er aber gar nicht genau zu benennen gewusst hätte. Er wusste nur, dass er traurig war, und diese Traurigkeit fühlte er auf dem Fahrrad weniger. 

Er hatte ein Gedicht geschrieben mit dem Namen "Charybdis" und glaubte, dass es einen Durchbruch bedeuten würde für seine geistige Entwicklung, dass nach diesem Durchbruch Gedichte aus ihm zu fließen begännen, wie ein ausgetrockneter Bach nach langem Frühlingsregen sich wieder füllt mit klarem, fruchtbarem Wasser, allen und allem zur Freude.

Seit mehr als 10 Jahren erzielte er diese Durchbrüche, die sich aber bedauerlicherweise einige Tage später oder längstens Wochen später als Irrtümer erwiesen, eine neue Sackgasse hatte sich statt dessen ergeben, ein Hindernis aufgetan und er musste versuchen erneut einen Durchbruch zu erringen.   

Auf Dauer war das nicht nur nervlich erschöpfend, es desintegrierte ihn, erheblich, so, dass er zum Beispiel wieder anfing zu rauchen, obwohl er vor einigen Tagen erst seine letzte Zigarette geraucht hatte oder aber auch musste er sich berauschen, um die Kraft zu sammeln für einen erneuten Durchbruch.

"Dieses Hin und Her hat einen demoralisierenden Effekt", dachte er, es macht mich unattraktiv, um eine Frau für mich zu gewinnen, zumindest unattraktiv bei jenen, die ich begehre. Begehren, das war das richtige Wort, denn er begehrte viele Frauen nicht, schätzte sie, aber seine Gefühle blieben unaufgewühlt.  

Die Blätter der Platanen begannen sich herbstlich zu färben und bei jedem Windstoß taumelten sie vielfältig hinab im schwach gewordenen Licht des sonnigen Oktobertages. Als er die kleine Eingangstreppe in den Vorhof des Gebäudes hinabschritt, prallte er unerwartet und plötzlich auf das lächelnde, helle Gesicht Anastasiyas.

Sie war schon einige Zeit aus Barcelona zurück, er hatte sie aber bisher nicht getroffen, da ihr Geliebter mitgekommen war, den sie dort kennengelernt hatte.

Mit Glockenstimme, zumindest kam es ihm so vor, begrüßte sie ihn: "Hallo" und er antwortete auch mit "Hallo", aber heiser und er musste sich danach räuspern.

“Wie geht es Dir?” fragte sie weiter lächelnd, freundlich, offen.

“Gut, seit wann bist Du zurück?”, fragte er scheinheilig, denn er hatte nachgeforscht und wusste es, aber er war unsicher und nervös, ihm war nichts zwangloseres oder beeindruckenderes eingefallen.

Sie lächelte weiter offen und antwortete “Seit zehn Tagen”. 

“Hast du Lust, dass wir zusammen essen gehen oder hast du schon etwas anderes vor?” 

Das war gut, dachte er, sie sieht, dass ich sie nicht dränge, ich habe meine innere Fassung wiedergewonnen, sie sieht, dass ich ihr nicht böse bin, aber sie nach wie vor begehre. 

Anastasiya hatte ihn verlassen, für einen Mann, den sie in ihren Briefen als “unerotisch" beschrieben hatte, der zwar mit ihr in die Pyrenäen zum Wandern fahren wolle, der aber fast noch gar nicht braun sei, obwohl der Strand doch so einladend und in der Nähe. Er habe nur seine Arbeit im Kopf, da brauche er sich keine Sorgen zu machen, sie liebe ihn und freue sich sehr darauf, ihn wieder in ihre Arme nehmen zu können und mit ihm all das und noch mehr nachzuholen, was sie in diesem halben Jahr ihres Barcelona Aufenthaltes nicht hätten zusammen erleben können. Wie sehr sie sich darauf freue!

Nun stand sie vor ihm, machte aber das, was sie mit ihm eigentlich machen wollte, vermutlich mit diesem unerotischen, kaum gebräunten Mann, der offensichtlich außer seiner Arbeit doch zumindest ab und zu etwas anderes im Kopf hatte.

Für diesen Mann hatte Shana ihn verlassen und sie lächelte, während sich auf seiner Stirn kleine Schweißtropfen bildeten.

Aber auch sie schien berührt, ein leichter, rötlicher Schimmer lag auf ihrem Gesicht, es ähnelte ihrem Ausdruck, wenn sie Liebe gemacht hatten, vermutlich aber war das von ihm eine Überinterpretation, sie wurde leicht rot, was ihr etwas Schamhaftes verlieh, was sie umso anziehender und unwiderstehlich machte, wenn sie die Scham fallen ließ.

"Anastasiya, ich will dich, will dich, will dich", dachte er und sagte: “Lass uns zusammen etwas essen gehen.”

“Wie geht es Deinem Amoroso?”, versuchte er zu scherzen, etwas plump, aber es stimmte doch, dieser unerotisch-erotische Neu-Favorit.

“Er hat sich endlich den Schnäuzer abrasieren lassen”, (sie beginnt ihn also nach ihren Vorstellungen zu gestalten, denkt er) “und gestern waren wir zusammen einkaufen, er kleidet sich jetzt modern und sportlich.” Aha, Kleidung hat durchaus sehr viel mit persönlicher Ausstrahlung und Erotik zu tun, gut, ich verstehe es sogar, dachte er weiter. 

“Ich werde jetzt einen Gedichtband veröffentlichen.” Er wollte ihr von seinem Durchbruch erzählen und fühlte sich durch das seiner Meinung nach sehr gelungene Gedicht "Charybdis" dazu ermutigt.

“Tatsächlich? Wieviel Gedichte sollen darin erscheinen?”

“Sechzig bis achtzig” antwortete er, begann aber erneut zu schwitzen.

“Gut, nicht zu viel, das wäre auch nicht gut!”

War das jetzt Spott, Ironie, glaubte sie nicht, dass er nach den vielen Jahren des inneren und letztlich äußeren Kampfes den Durchbruch, diesmal tatsächlich, erzielt hatte, dass jetzt vieles, sehr vieles anders werden würde, er wahrscheinlich Lesungen geben würde?

Erneut ihr offenes Lächeln, kein Hohn, kein Spott, nur der Wunsch, es möchte endlich besser mit ihm werden, Hoffnung für ihn, dass etwas eingetreten sei, zwar spät - zu spät, um sie zurückzugewinnen - aber etwas, das sie ihm aus verbliebener, gereifter Liebe von ganzem Herzen wünschte.

Gedichte seien keine leichte Kost, fuhr sie freundlich fort, einen Gedichtband könne man ja nicht lesen wie einen Roman. Ob er ihr sein bisheriges Schaffen zeigen wolle.

"Selbstverständlich", bei einem nächsten Treffen würde er ihr ein vorläufiges Manuskript überreichen.

Ja, gerne würde sie sich mit ihm noch einmal treffen, am Freitag in einer Woche sei sie wieder da, sie könnte nach dem Seminar im Café "Die Lilie" sein.

Das rührte ihn, ein Gefühl tragisch schönen Schmerzes begann in ihm aufzusteigen. 

Nach dem Essen ging er mit ihr über gefallenes und gelb-rötlich gefärbtes Laub der Platanenallee, hinauf zum kleinen Rasenhügel, den Blick auf die sich senkende Sonne, deren Licht die Ränder grauer Wolken hell und glänzend erscheinen ließ. “Ein Bild wie ein Symbol für meine Seele” sagte er mit einer Mischung aus Wehmut und Selbstmitleid. Sie antwortete nicht, sondern schob ihren Arm unter den seinen und schmiegte sich leicht an ihn.

Er brachte sie zur Straßenbahnhaltestelle, wollte sich von ihr verabschieden, doch bittet sie ihn mitzukommen, sie bis zum Bahnhof zu begleiten.

Auf einer Bank für zwei setzen sie sich nebeneinander, sie ergreift erneut seinen Arm, hakt sich unter und schmiegt ihre Wange an seine Schulter, sagt aber nichts.

Er ist unsicher, ob er etwas sagen soll, doch wozu, denkt er und lässt sich gleiten, er will nur fühlen, dass sie jetzt wieder für eine kurze Zeit neben ihm ist, sich an ihn schmiegt, drückt ab und zu ihren Arm und sie schmiegt sich ab und zu etwas stärker an, bis sie am Bahnhof ankommen.

Beim Aussteigen fühlt er Glück und Beklemmung, weiter schweigend gehen sie zum Bahnsteig, ihr Zug rollt ein, Lautsprecher scheppern, Menschen wimmeln um sie herum, Tauben flattern auf, sie stehen einander gegenüber, schauen sich in die Augen, er ist wieder traurig und wahrscheinlich kann sie es an ihm sehen.

Er sagt dann: "Du musst einsteigen", sie lächelt wieder, und er sagt, "Wenn Du mich so anlächelst, bekomme ich den Wunsch, Dich zu küssen."

Da überfliegt tiefes Rot ihr Gesicht und sie antwortet: "Wenn Du mich küsst, weiß ich nicht, was mit mir geschieht".

Ein Pfiff, der letzte Aufruf einzusteigen, "Du musst jetzt einsteigen" sagt er. Sie hebt die Arme: "Komm, schnell, umarme mich", er umfasst sie, drückt sie und spürt ihre Brust, sie presst sich an ihn, er spürt ihre Hüften, sie sucht mit ihrem Mund seinen Hals, küsst die Haut.

Der Schaffner steht in der Tür des Wagons, sie läuft los, lässt ihn aber nicht los, reißt ihn mit, steigt ein und zieht ihn auch hinein, geht rasch, sucht ein Abteil für sie allein und zieht die Vorhänge zu.

Dienstag, 15. Januar 2019

Warum ich meinen Vater verteidige!

Warum verteidige ich meinen Vater und damit zugleich meine Mutter, wenn ich doch in einer Familie aufgewachsen, die mich krank gemacht hat, wenn beide Eltern auch ungerecht waren, Lieblinge hatten, zu denen ich nicht gehörte, wenn ich schon früh glaubte, mich selbst töten zu müssen, vor Scham, vor Einsamkeit und tiefer Beklemmung, weil Angst an meiner Seele fraß und ich dachte, irgendwann halte ich es nicht mehr aus, es aber doch aushielt, bis Alkohol mein Freund wurde und ich nur noch Angst hatte, wenn mein Freund lange abwesend war.

Auch heute, so viele Jahre nach seinem Tod, höre ich seinen Husten, schon lange vor dem Aufstehen um halb sechs, wenn er sicher noch müde war und vielleicht erst spät eingeschlafen, weil im Haus mit sechs Kindern oft spät alle zurück, in ihren Betten und Ruhe. 

Manchmal wurde aus der Ruhe das Gefühl tiefen Friedens, Weihnachten oder Ostern, wenn wir zusammen gesungen oder draußen der Wind ums Haus blies, während wir alle in der Wohligkeit unserer Betten geschützt und uns einander gewiss, dass uns entweder nichts geschähe, wenn Donner und Blitz, oder wir zusammen uns schon zu helfen wüssten, wenn doch ein Unglück. In der Not würden wir zusammenhalten und gemeinsam kämpfen.

Oft wachte ich von Vaters Husten auf, Folge des Rauchens, Folge des Asbeststaubes, den er eingeatmet, da Asbest in der chemischen Fabrik als Brandschutz genutzt wurde, Folge des Chlors, das er im "Chlorbau" eingeatmet, wo es zwar giftig aber wärmer als draußen im Winter, wo die Hände aufsprangen und schmerzten beim Arbeiten, dass so mancher sich keine andere Hilfe wusste, als über die aufgesprungenen Stellen zu pinkeln, das gab wenigstens einige Sekunden Wohlgefühl und Erleichterung. 

Einmal wäre Vater der Arm abgerissen worden, wenn der Handschuh, der in den Betonbohrer geraten war, sich nicht doch noch von der Hand gelöst hätte. So hatte er den Oberarm verdreht und gebrochen, der Arm aber war noch dran.

Manchmal lag Vater, schon einige Jahre jenseits der fünfzig, mit Mamma auf dem großen Sofa und fragte, ob ich ihm ein Bier aus dem Keller holte und mehr als einmal hörte ich, wie er sagte, er fühle sich so müde, so zerschlagen, dass er am liebsten nur noch liegen bleiben würde, er fühle, wie er alt werde. 

Aber er musste noch einige Jahre weiter arbeiten, ehe er in Rente ging.

Als er dann Anfang der siebzig Krebs bekam, vielleicht auch vom Asbest, versuchte er noch einmal zu kämpfen, weil er die Amseln so gerne singen hörte und es November war, als er schwächer und schwächer auf dem Sofa liegen bleiben musste. 

"Noch einmal die Amseln im Frühjahr ihr Lied singen hören."

Er starb im Februar.

Darum verteidige ich Vater - meinen Vater!


Johannes Stenkamp, 19. Juni 1926, 11. Februar 1998


"Es gibt ein Land der Lebenden
und ein Land der Toten,
die Brücke ist die Liebe;
nur in ihr überleben wir,
und nur sie gibt dem Leben 
einen Sinn."
 

Freitag, 7. Juli 2017

Schwarzer Block!



Wenn sie mich kriegen, lass ich mich raushauen, das muss er dann machen, der Anwalt, macht ja sonst nur Schiet, aber so leicht kriegt man mich nicht! Ich bin wütend und möchte auf die Fresse schlagen, einem Bullen, gerne auch diesen Typen, die so leben, so leben wie, ja, wie Papi. 

Heute Nacht, der Sex, geil! Wie bei dem Kriegsberichterstatter, der sagte, Sex ist am geilsten, wenn Krieg ist. Die Gefahr macht geil, extrem. 

Schwarzvermummt, mit Hammer und Bengalo rotes Licht und Scherben, Panik, Angst und Schrecken, wir nehmen uns die Strasse, kämpfen für eine bessere Welt, die aber erst zu Asche verglühen muss, damit aus ihrer Asche nicht Phoenix sondern eine Welt ohne Entrechtete und Unterdrückte! 

Seitdem ich politisch denken kann, hasse ich die Mächtigen, dafür dass Rentner im Abfall wühlen müssen, Kinder verrecken und sich vergiften, um unsern Schrott zu entsorgen! Ich will mich so nicht behandeln lassen und jetzt gibt es die Rechnung: Autos müssen brennen, Strassen in Flammen aufgehen und ihr verdammtes Kapital. 

Gerne würd ich den korrupten Reichstag stürmen, ich stell mir das vor, oft, und dem Politikerpack den Prozess machen, um dann einen menschenwürdigen Staat zu errichten, dafür kämpfe ich! 

Ja, weint, bemitleidet euch selbst, den Hass und das Leid, die ihr gesät habt, bekommt ihr jetzt zurück von uns!

Zur Lage:

"Weite Teile des vor dem ersten Lauti befindlichen schwarzen Blocks ergriffen für unseren Eindruck panisch die Flucht und kletterten die Mauer hoch. Dabei ist für uns die Entscheidung, im schwarzen Block in Ketten zu laufen, auch eine Entscheidung, nicht gleich bei der ersten Konfrontation wegzurennen, sondern sich gegenseitig durch die Blockbildung zu schützen. Aus den vorderen Reihen beschlossen dann einige, sich seitlich zu stellen und neue Ketten zu bilden, aber wir wurden immer weniger und immer brutaler in die Enge getrieben, sodass wir auch die Mauer hoch flohen. Dass uns dabei zahlreiche Menschen halfen, die sich deswegen ihrerseits nicht vor dem Wasserwerfer in Sicherheit bringen konnten war ein wirklich starkes Zeichen. Doch die Angriffslustigkeit der Polizei war damit nicht zu Ende. Wir waren nun zweieinhalb Meter höher in einem erneuten Kessel gefangen, Polizeiketten an beiden Seiten, unter uns die letzten verbliebenen ca 30 Menschen die sich entschieden hatten nicht zu fliehen und sich der Polizei trotz Prügel weiter in den Weg stellten.
Die letzte verbliebene Richtung war eine Mauer hinter der es zweieinhalb Meter auf eine Betonfläche hinabging. Also kletterten wir notgedrungen weiter, weil uns der Wasserwerfer im Kessel weitertrieb und wir offenkundig auch auf dieser Ebene nicht bleiben durften. Wir sprangen also von der Mauer auf die Fläche an der Elbe und wieder konnten wir uns über Menschen freuen, die uns auffingen und so Menschen eine verletzungsärmere Flucht ermöglichten. Die allerletzten hinter uns wurden von der Polizei schließlich die Mauer heruntergeschubst. Doch auch dort war an Bleiben nicht zu denken und die Polizei trieb uns wieder zurück Richtung Auftaktkundgebung.

Wir fanden einen Weg heraus aus der Demo und suchten einen in der Hafenstraße bestehenden Ruheraum auf, versorgten erste Pfeffersprayprobleme in unserer Bezugsgruppe und brachen sodann wieder auf. Weil wir der Polizei die Genugtuung nicht bereiten wollten, dass es nur eine Gewaltorgie braucht, um einen schwarzen Block komplett zu entfernen. ... Es sammelte sich in beeindruckend kurzer Zeit ein neuer schwarzer Block und es formierten sich Ketten. Wir zogen bis auf die Reeperbahn und wurden kurz vor der Davidswache erneut gestoppt. Die Polizei prügelte sich durch die Demonstration, um den schwarzen Block zu kesseln. Bei unserem Versuch, den noch nicht ganz geschlossenen Kessel zu verlassen, trafen wir an einem flachen Zaun auf viel Pfeffer und Gewalt. Ein Faustschlag eines Beamten und Pfeffer beförderten zwei Personen aus unserer Bezugsgruppe direkt wieder zurück in den Kessel, eine Person wurde im Zaun festhängend malträtiert und bei dem Versuch einer zwischen Polizisten am Boden liegenden Person zu helfen wurden zwei weitere Leute mit viel Pfeffer eingedeckt. Wir verbrachten dann also die nächste Zeit in einer solidarischen Kneipe auf der Reeperbahn, wo ein Arzt sich um die beiden vor Pfeffer blinden Personen kümmerte."

Venceremos! 




Samstag, 24. Dezember 2016

Der Weihnachtsbrief, Teil 5!

Wenn Sie jetzt nicht sehr schnell in die Wärme kam, konnte sie noch immer sterben, obwohl sie sich für das Leben entschieden hatte. Es war für Dezember nicht sonderlich kalt, um die 6 ° Celsius, es regnete nicht, aber es ging ein leichter Wind. Um Hilfe zu rufen, wäre nicht erfolgversprechend gewesen, denn der Park wurde im Winter, wenn es dunkel wurde, verschlossen und man musste sich gut auskennen, um hineinzukommen. Die nächste unverschlossene kleine Pforte, da das Schloss verrostet und deswegen nur angelehnt, damit es nicht als offen auffiel, war etwa einen Kilometer von der Stelle, an der sie sich jetzt befand. Das war nicht weit, in ihrem Zustand aber sehr weit. Konnte sie die Prothese überhaupt umlegen, denn ihre Finger waren erneut taub und  blutleer. Es kam darauf an, nur das wichtigste zu tun, um so schnell wie möglich loszugehen, anderfalls würde sie wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren. Sie nahm das Hemd und band es sich um die Hüfte, ebenso den Pullover, die Jacke legte sie um die Schultern, ohne zu versuchen in die Ärmel zu schlüpfen, das dauerte zu lange. Das wichtigste war die Prothese, nach langem Mühen gelang es ihr, sie zu befestigen, schlüpfte in den linken Schuh, ohne ihn zu binden und ging los. 

Sie zitterte nicht nur, sie schlotterte, aber offensichtlich trug ihr Schlottern zusammen mit dem Gehen dazu bei, dass sie sich langsam kräftiger fühlte und ihr Herzschlag sich stabilisierte. Jetzt schien es ihr möglich, dass sie diesen Kilometer gehen konnte. Sie dachte nicht mehr an Kränkungen, Liebesschmerz, den Sinn des Lebens, nicht an David, seinen muskulösen Körper sondern, dass sie nicht stürzen wollte in der Dunkelheit, dass sie ihre Kräfte einteilen musste, gleichmäßig atmen und dass sie es durchhalten wollte, bis zur kleinen Pforte, dort konnte sie zusammenbrechen, man würde sie finden!

An der Pforte angelangt jubelte es in ihr: Sie hatte dem Tod ins Gesicht gesehen, zum zweiten Mal in ihrem Leben: das erste Mal als Kind, war gerettet worden, hatte aber ihr Bein verloren, jetzt hatte sie selbst den Tod gesucht, ihn vor Augen gesehen und sich abgewendet, dem Leben zu: Sie hatte sich selbst gerettet! 

"Dort vorne ist diese große weiße Villa, alles erleuchtet, ich klingele dort!"

Als ihr eine hübsche junge Frau öffnete, mit brünettem, glattem Haar, das gesund und scheinend, schlug diese entsetzt bei Ihrem Anblick die Hand vor den Mund: Ein offener Schuh, um die Taille ein nasses Hemd und Pullover, darunter sichtbar ihr gesundes Bein und die Prothese, um den Oberkörper die Jacke geworfen, so dass ebenfalls nur unvollständig bedeckt, das Haar wirr, das Gesicht bleich und vor Anstrengung verzerrt. 

"Aaron, Aaron, um des Himmels willen, komm sofort! Komm schnell!" rief sie. Statt Aarons kam aber zunächst ein kleiner brauner Hund herangerannt, der wild zu kläffen begann, dann zwei Kinder im Alter von etwa 5 und 3 Jahren und dahinter kam ein schlanker, hochgewachsener Mann, mit braunem Gesicht, dunklem Bartschatten und schwarzen Augenhöhlen.

Er erfasste sofort die Situation und gab knappe Anweisungen: 

"Sie muss ins Wohnzimmer, auf den Diwan, nimm Du die Beine Elisabeth, Kinder, rasch, holt alle Decken, die ihr tragen könnt. Snoopy, still!" Und tatsächlich hörte der Hund auf zu bellen und schloss sie die Augen, gewiss, dass ihr jetzt nichts böses mehr widerfahren würde, sie war gerettet! 

Sie war nicht tatsächlich ohnmächtig geworden, aber als sie die Augen wieder öffnete, hörte sie Musik, die sie kannte! Das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms, war das nicht die Bernstein Einspielung?

"Ist das die Bernstein Einspielung?"

"Ja, ist sie, gefällt sie ihnen?" antwortete Aaron.

"Können Sie auf Minute 23 zurückgehen!"

"Gerne!" antwortete Aaron. Sie schloss die Augen von Neuem und erbebte, als sie die ihr so bekannte Musik hörte, aus der eine Welt zu ihr sprach, die ihre Pforten zum Glück für sie öffnete und die Erhabenheit zu ihrem Elend hinabstieg und ihr die Hand reichte. 

Sie hörten schweigend den Satz zuende, dann stoppte Aaron die Musik und sagte:

"Ich begrüße sie also stellvertretend in unserem Heim. Darf ich nach ihrem Namen fragen!"

"Bella, ich heiße Bella." 

"Bella, die Schöne!" rief Elisabeth.

"Ja", anwortete Bella, "aber nur dann, wenn die Schulkameraden nicht hinter ihrem Rücken bellen, wenn sie vorbeigegangen sind." 

Da kamen die beiden Kinder ausgelassen auf Bella zu, warfen sich auf sie und fingen ein lautes Kindergebell an, das Snoopy zusätzlich orchestrierte. Alle lachten, in das hinein erneut die Klingel der Haustüre erklang.

Herein kam der von den Kinder sehnlich erwartete Weihnachtsmann, sie sangen "Oh Tannenbaum" und herzergreifend: "Es ist ein Ros` entsprungen!". Es wurden Fotos gemacht und zum Abschied trug der Weihnachtsmann ein Gedicht vor:

"Die Sonne weicht dem Licht der Sterne,
gekommen ist die schöne Weihnachtszeit!

Kinderherzen schlagen höher,
Glocken klingen nah und ferne,
und ein Wunsch entsteigt dem Schein der Kerzen:

Lasst Hoffnung wachsen
in unseren Herzen,
Frieden, Frieden sei auf Erden,
leuchten soll die Weihnachtszeit!
Lasst uns alle diese Nacht nun feiern,
damit das Licht der Liebe
besiegt die Dunkelheit!"

Ende von der Weihnachtsbrief

Musik:








Donnerstag, 22. Dezember 2016

Der Weihnachtsbrief, Teil 3!

Während sie dalag, das Gesicht auf dem Tisch in ihren Händen verborgen, trat ein junger Mann an sie heran, legte begütigend seine Hand auf ihre Schulter und begann über ihren Rücken zu streicheln! Sie schaute auf zu ihm, in sein schmales, ein wenig welk wirkende aber hübsche Gesicht, sein Lächeln mit einigen dunklen Verfärbungen der sonst sehr weißen und ebenmäßigen Zähne vom Rotweintrinken und Tabakrauch, sah, dass er in der anderen Hand eine selbstgedrehte Zigarette oder Joint hielt und sagte, "Danke! Es geht schon!".

Der junge Mann nahm das zum Anlass sich den Stuhl von der anderen Seite des Tisches heran zu ziehen, setzte sich neben sie und streichelte sie nun intensiver, während er einige Male sie an sich  zog und aufmunternd gemeint drückte. Er sprach davon, dass er ihre Gefühle sehr wohl kenne, Weihnachten mit seiner Provokation äusserster Heuchelei in einer durchaus verrottet zu nennenden Welt hätte auch ihn schon manches Mal verzweifeln lassen. Er machte eine kleine Pause und zog an seiner Zigarette. Dann fragte er, ob er seinen Wein holen dürfe. Sie nickte.

Während er ging, wurde ein neues Lied gespielt, "Don´t give up" mit Peter Gabriel und Kate Bush, sie kannte es gut und hatte sich schon oft tief davon berühren lassen. "In this proud land we grew up strong...I was taught to fight, taught to win, i never thought I could fail! .. no one wants you when you lose." Keiner will dich, wenn du verlierst, wenn du ein loser bist! Das war es! Sie hatte gekämpft und hatte verloren, nicht einmal, nicht zweimal, eigentlich fast immer! Sie hatte verloren, weil sie Fehler gemacht, sie hatte verloren, weil Mamma diesen Unfall gehabt hatte, sie verloren, auch wenn sie gekämpft hatte, denn wenn Du den Spott und die Scham einmal besiegt hast: Sie kommen immer, immer wieder, jeden Tag, jeden Abend das gleiche Gefühl, das mit Melancholie nur unzureichend beschrieben ist, das Gefühl, dass hinter all dem schönen Schein etwas entsetzliches lauert, das darauf wartet, dich zu verschlingen!

Der junge Mann war mit seinem Glas Rotwein zurückgekehrt und legte seine  Hand wieder um ihre Schulter!

"Kannst Du bitte Deine Hände von mir lassen. Ich habe Dich nicht dazu eingeladen!" Sie stand auf, der junge Mann sah, dass sie ihr rechtes Bein nicht beugen konnte und schob ruckartig den Stuhl zurück, um Platz zu machen. Er habe nichts Böses gewollt.

"On the lakeside, as daylight broke, I saw the earth, the trees had burned down to the ground" hörte sie singen. Dahin wollte sie gehen, zum See, sie wusste, wie man auch abends in den Park kam, niemand würde dort sein. Es war nicht kalt und sie fühlte, wie sich innerer Druck mit dieser Entscheidung löste, hinaus aus diesem stickigen Cafe, in den Park, wo sie oft mit David im See geschwommen. Noch einmal wollte sie die Allee hinauf gehen, die niederländischen Portiershäuser entlang, zur altägyptischen Statue, in die Orangerie, sich auf ihre Lieblingsbank setzen mit dem schönen Blick über den sanft abfallenden Wiesenpark und dem Schloss im Hintergrund und zur Badestelle, an der sie mehrfach nachts in Liebe mit David vereinigt!

Die Liebe ist ein herrliches Gefühl und sie gönnte es jeder und jedem, in Liebe zu schwelgen! Wenn Du aber ein Loser bist, dann hoffe nicht, dein Leben in diesem Gefühl verbringen zu dürfen. Mamma war nach dem Unfall krank geworden, dafür konnte sie nichts, Papa musste sich um Mamma kümmern und ihren Geschwistern war sie fremd geworden, denn sie hatte sich selbst stark verändert. Sie war keine schlechte Schülerin gewesen, aber seit dem Unfall fragte sie sich, wozu es dieses schreckliche Leiden gäbe, warum es manche träfe und andere Menschen ein weitgehend beschwerdefreies Leben führen durften. Es war eine schreckliche Ungerechtigkeit, denn irgendeine Schuld war meistens nicht zu finden am Unglück sowenig wie Verdienst bei jenen, denen es augenscheinlich gut ging. Ihre Fragen und Überlegungen konnten ihre Mitmenschen und Schulkameraden nicht in dem Maße teilen, wie es sie innerlich beschäftigte und so galt sie mehr und mehr als seltsam, als gestört, als äußerlich behindert und psychisch krank!

So schwer es war, das zu akzeptieren, ihre Antwort aber war, dass es oft Zufall war und dieser Zufall machte einige zu Winnern, andere zu Losern.

Sie war Loser. Innerhalb der Loser gab es Loser, die das akzeptieren konnten und es gab Loser, die das nicht akzeptierten. Sie gehörte zu lezteren, hatte ehrgeizige Pläne, wollte in der Stammzellforschung Großes vollbringen, merkte aber schnell im Studium, dass jede Auseinandersetzung, jedes auch nur mittleschwere psychische Erleben, das mit Problemen verbunden, sie aus dem Tritt brachte, sie sich nicht mehr konzentrieren konnte, sich eine für sie letztlich unerträgliche Spannung aufbaute. Oft hatte sie dann David angerufen oder sich mit ihm getroffen. Wenn er neben ihr saß, konnte sie wieder arbeiten, gut arbeiten, aber er musste da sein oder in ihrem Herzen, liebevoll lebendig in ihrem Herzen sein, anders konnte sie sich zu oft nicht konzentrieren!

Er hatte sich einmal besorgt darüber geäußert, sie dürfe nicht abhängig von ihm werden, sie hatte geantwortet, das wisse sie, in Wahrheit aber war sie abhängig. David lag jetzt bei einer anderen Frau und den Gedanken würde sie nicht ertragen, nicht auf Dauer, das wusste sie. Leiden hat kein Recht dich langsam aufzufressen, sagte ihre innere Stimme!

All das, was nun geschah, hatte sie geahnt, sie hatte es in kleinen Kapiteln als Furcht in ihr Tagbuch geschrieben, jetzt war die Stunde da. Sie dachte wieder an David. David war nur ein Mensch, ein ganz gewöhnlicher Mensch, behandelt aber hatte sie ihn, als sei er ihr Gott. So konnte sie nicht erkennen, dass David im Grunde ein unzuverlässiger Mensch war, ein unreifer Mensch. 

Mit einem Schlag wurde ihr klar: David war selbst ein zutiefst verletzter Mensch, bevor er mit ihr zusammenkam! Sie erinnerte sich genau an den Jubel, als seine Exfreundin sich wieder bei ihm gemeldet, wegen der er sehr gelitten, an seinen Triumph, denn sie hatte gefragt, ob sie sich treffen könnten. Darum war er so überraschend mit ihr zusammengekommen. Er wollte sein eigenes Leiden mindern, nachdem er verlassen worden war, er wollte seinen Schmerz erträglich machen, seine Kränkung überspielen. Nachdem ihn die als eine der angesehensten Schönheiten der Universität hatte fallen lassen, suchte er Trost und Zuspruch, wollte er zum Gott erhoben werden und das war möglich mit ihr, deren rechtes Bein bis kurz unter dem Becken zerquetscht worden war, so dass man es amputieren musste, und seitdem nicht nur körperlich behindert, sondern stärker sogar psychisch! David hatte sie unbewusst aber zielgenau "erwählt", um sein eigenes verletztes Ich wieder aufzubauen und in neuem-altem Glanz  erstehen zu lassen. Das war ihm gelungen, nun begann die Zeit, sich wie zuvor um die Schönheiten dieser Welt zu kümmern und nicht um einen Krüppel, die einer Klette gleich an ihm hing und die Freude am Leben auf Dauer in nicht zu duldender Weise einschränkte!
 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Der Weihnachtsbrief, Teil 2!

Es war jetzt Zeit den Brief zu lesen! Ihr Herz klopfte wieder, als sie sich dem Café näherte! Es waren zahlreiche vor allem junge Leute dort, die Luft warm, mit einer Mischung aus Zigarettenrauch und Kifferdunst angefüllt. Im Hintergrund hörte man poppige amerikanische Weihnachtsongs, überlagert von Stimmengewirr in durch Alkohol beförderter Stimmung. 

Sie hatte Angst, Angst, den Brief zu öffnen. Vielleicht aber würde dieser Heiligabend der schönste ihres Lebens werden, wenn David schrieb, dass er sich seiner Liebe zu ihr klar geworden und  entschlossen, sein Leben mit dem ihren zu verknüpfen, für immer! Bei diesem Gedanken stiegen ihr Tränen in die Augen, sie musste den Brief nun lesen!

Gegen ihre Gewohnheit hatte sie beschlossen zunächst und dazu etwas Starkes zu trinken, Irish Whisky, doppelt, mit Eis und noch ein Glas Rotwein! Als sie das Rotweinglas am Stiel fasste, sah sie, wie heftig sie zitterte und obwohl der Whisky sehr brannte und sie mehrfach husten musste, trank sie ihn rasch aus und bestellte einen Neuen. Der Whisky wirkte, denn er brannte auch im Magen, im Bauchraum, eine Wärme, die wohlig und entspannend durch  ihren Körper zog und ihr die Gelassenheit gab, das kleine Messer zu nehmen, das sie eigens zu diesem Zweck eingesteckt, um den Brief zu öffnen.

"Meine Liebe", begann der Brief, er begann mit Liebe, er schreibt es, er liebt mich und erneut bekam sie Tränen in die Augen, so dass sie sekundenlang nichts mehr entziffern konnte. 

Das Ende, ich lese das Ende, dann weiß ich es sofort.

"Auch mir fällt das nicht leicht, denn ich habe Dich nach wie vor gern, sehr gern, aber ich fühle, dass ich noch nicht soweit bin, Dir meine dauerhafte Treue zusagen zu können. Mit solchen Ansprüchen auf mein Leben überforderst Du mich und darum, obwohl es mir schwer fällt, so schwer, als müsste ich in mein eigenes Fleisch ein Messer stoßen, glaube ich, ist eine Trennung besser und unumgänglich für uns! Ich habe mich so entschieden aus Respekt, aus einer anderen Form der Liebe zu Dir!"

Schwein! Schwein! Sie hätte schreien wollen: Schwein, Du bist in Australien, hast eine andere, der Du Deinen verdammten Schwanz reinsteckst und wagst es, mich "meine Liebe" zu nennen! Du verdammtes Schwein!

"Wie konnte ich, wie konnte ich solange all die Zeichen übersehen", die abgebrochenen Skype-Gespräche, mal kam jener, dann dieser, die Floskeln, "Schatzli" statt Schatz und dass einer seiner Freunde über sie gesagt hatte, so hatte David es ihr en detail erzählt, sie sei behindert, er warne David, sich dauerhaft an sie zu binden, das gäbe immer Probleme. Wer so stark behindert sei wie sie, müsse auch einen psychischen Knacks haben, das könne nicht ausgeblieben sein und der Freund hatte David versichert, ein besonders erfolgreiches Studium und eine Glanzkarriere sei auf diese Weise so gut wie ausgeschlossen, weil er "viel zu viele Ressourcen gebunden haben" werde, "Karriere und sich lebenslang um einen behinderten Menschen kümmern, das geht nur schlecht zusammen", aber David müsse natürlich selbst entscheiden, so hatte David das Gespräch zusammengefasst, beruhigte sie, dem sei nicht so, und hatte Sex mit ihr! Das Schwein, das verdammte Schwein!

David brauchte Sex, viel Sex und sie hatte ihm gegeben, nicht nur gegeben, sie hatte genossen, zu Anfang tagelang und darum war der Unterschied so ausgeprägt zwischen da und jetzt. Während sie sich zu Beginn berauschten, hatte er vor der Abreise einmal gesagt, er sei zu beschäftigt, nervös wegen der Reisevorbereitungen und sie nur wenig gestreichelt!. 

Er hatte wiederholt gesagt, seine Reise sei ein Test, er glaube zwar sicher, dass er sie liebte, aber man müsse das testen! Und auf diese Weise habe der Schmerz der Trennung einen Sinn! Aus Glauben an die Liebe zu ihr werde durch die Reise unerschütterliche Überzeugung, "aus Verliebtheit die reife Glut der lebenslangen Liebe"!

Der zweite doppelte Whisky, nicht mehr gewohnt zu trinken, verursachte einen leichten Schwindel, sie legte ihr Gesicht auf die Tischplatte und nicht mehr sichtbar für die Besucher des Cafés konnte sie nun weinen, hemmungslos und aus der Tiefe ihrer Seele weinen.

Der Weihnachtsbrief, Teil 1!


Wann kam der Brief? Heute war er nicht im Briefkasten! Wurde an Heiligabend Post zugestellt? Ja, auch Heiligabend wurde zugestellt, er konnte also morgen im Briefkasten sein.

David hatte ihr wegen etwas Wichtigem geschrieben! Das hatte er kurz vor dem Ende des Skype-Gesprächs gesagt, bis dann sein australischer Bekannter hereinkam, sie müssten jetzt wirklich los! Sein Geschenk hatte sie schon,  einer seiner Freunde hatte es ihr übergeben, der im Gegensatz zu David nicht die Weihnachtsfeiertage in Australien geblieben, sondern zurückgekehrt, 14 Tage, um mit seiner Freundin und seiner Familie zu feiern! Eine Uhr mit einem Känguru auf dem Ziffernblatt. Sie hatte sich darüber nicht sonderlich gefreut, nicht einmal eingepackt war es gewesen, „teuer“, hatte er gesagt, als wenn das von Wert für sie gewesen!

David war in Australien und morgen war Heiligabend. Sie hatte alle Einladungen ausgeschlagen. Sie wollte nicht und konnte nicht die Stadt verlassen, bevor sie den Brief gelesen hatte. Sie hatte David gezürnt wegen seiner Australienreise. Sie hatte daran gedacht, für einen Moment, ob es nicht besser sei, sich zu trennen - weniger als einen Moment, denn sie liebte, sie liebte aus ganzem Herzen und mit ganzer Kraft! Schließlich hatte sie sich überzeugt, die Trennung habe sogar etwas Gutes: David und sie konnten für sich herausfinden, klar und deutlich, ob sie für immer zusammengehörten, so hatten sie es besprochen!

Den Nachmittag verbrachte sie damit, ein Café zu suchen, denn sie wollte unter Menschen sein, wenn sie morgen den Brief bekäme und dort lesen. Sie fand eines, modern, vermutlich Heiligabend eine große Zahl derer beherbergend, denen Weihnachten nichts mehr sagte oder die der  Sentimentalität entfliehen wollten, um sich mit Gleichgesinnten zu amüsieren, zu betrinken, statt des Jesuskindes und des Lichtes für die Menschheit in Dunkelheit zu gedenken. Es durfte geraucht werden, gekifft, was ihr missfiel, aber sie fand kein besseres Café!

Am nächsten Vormittag sah sie vom Schreibtisch aus die Postbotin mit ihrem Fahrrad zum Nachbarhaus fahren. Sie zog sich ihre Jacke an, hängte die vorbereitete Tasche um und ging nach unten. Ein dünner leichter Luftpostbrief lag im Briefkasten: sie zog ihn zwischen  Weihnachtsgrüßen hervor, steckte ihn in die Seitentasche über ihrem Herzen, so wie sie es sich vorher überlegt, denn es würde Glück bringen, und ging zum Fußweg, der zur Straße führte.

Sie musste nicht direkt ins Café, sie hatte den Brief ja, vielmehr wollte sie sich beruhigen, noch einmal stark und mit ihrer ganzen Liebe an David denken. Das Wetter war mild, die Luft frisch, der Himmel bewölkt, aber es würde vermutlich nicht mehr regnen.

Sie fühlte den leichten Wind auf ihren Wangen, was gut tat und spürte beim Gehen, dass ihr Stumpf schmerzte: Sie hatte ihn seit Tagen nicht mehr eingecremt und angemessen gepflegt! Das hatte David sonst fast jeden Abend getan, liebevoll und zärtlich, wie nur er es konnte, sie selbst nicht! Ihr Stumpf war wund und darum hinkte sie leicht, aber es war ihr gleichgültig.

Am ersten Abend, als er mit ihr nach Hause gegangen, hatte er die Prothese genommen, den Schuh abgestriffen und das Hosenbein hochgeschoben. Er war weder besonders erstaunt, noch zeigte er irgendeine Art des Ekels, er fragte nur, ob er die Prothese abnehmen dürfe. Dann hatte er über ihren Stumpf gestreichelt, gefragt, ob es ihr gut täte, wenn er mit seinen Fingerspitzen darüber fuhr. Sie hatte ihm die Salbe gereicht, die sie zur Pflege benutzte, er massierte und strich dann über ihren heilen, vorhandenen Schenkel. Er öffnete den Knopf, sie hob ihr Becken und im Traum der Wirklichkeit vereinigten sie sich, so nannte sie es, und begann zu winden und zucken und all ihr Wollen wurde zur Lust. Sie spürte auch jetzt im Gedanken Glut aufsteigen und hätte nach ihm schreien mögen, aber David war in Australien!

Sie hatte aber seinen Brief!